September 20, 2020

Corona, die Klimakrise und Ich!

von Karin von Werner

Ich bin 1965 geboren. Seit ich denken kann, ist die Umwelt ein Thema für mich: Waldsterben, atomare Bedrohung, erste Atomkraftwerke. Vor allem hatte mich die Fernseh-Serie „Es ist noch was zu retten“ schwer beeindruckt, die ab Mitte der 1970er in der ARD lief und in der uns für 2009 eine mondähnliche Wüstenlandschaft prophezeit wurde.

Mode war zu jener Zeit unmodern, man lief in Jeans und Parka herum und engagierte sich vor allem für den Umweltschutz. Ich habe mich nie politisch engagiert, aus der Politik aber meine Konsequenzen gezogen: Energie eingespart, das Autofahren vermieden, zunächst wenig, dann gar kein Fleisch mehr gegessen, möglichst Bio eingekauft, Plastikmüll vermieden – und ich habe auf die Politik gewartet, dass grundsätzliche umweltpolitische Veränderungen in Angriff genommen werden. Vieles wurde auch erreicht.

1979 gründete sich die Wählergemeinschaft „Die Grünen“, aus der 1980 die bundesweite Partei hervorging. 1978 traten die Grünen und bunten Listen bereits bei Landtagswahlen an, in West-Berlin damals noch als Alternative Liste (AL). Das Umweltministerium entstand 1986. Der Ozonkiller FCKW wurde verboten, als man die Ozonlöcher in der Atmosphäre entdeckte. Rauchgasentschwefelungsanlagen wurden eingebaut, als man das Waldsterben – verursacht durch den sauren Regen – entdeckte.

Ab 1980 wurden erste Klimamodelle entwickelt, die einen Temperaturanstieg und den Klimawandel vorhersagten. Bis zu diesem Zeitpunkt war das Thema Umwelt wichtig gewesen in der politischen Debatte und in den Medien.

Dann kam die Wende und mit ihr viele neue Probleme. Es folgte der 11. September 2001 mit den Anschlägen auf das Word Trade Center, die den Irakkrieg nach sich zogen. 2007 gab es die Weltwirtschaftskrise, die Finanzkrise, 2015 dann die Flüchtlingskrise und jetzt die Corona-Krise.

Das alles waren wichtige Ereignisse, die die volle öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zogen und andere Themen – vor allem medial – in den Hintergrund drängten. So leider auch immer wieder das Umweltthema, insbesondere die Klimakrise.

Die Befürchtung, dass wegen der Corona-Krise jetzt beim Umweltschutz gespart wird, ist deshalb sehr konkret! (1).

Dabei war und ist der Klimawandel die weitaus größte Bedrohung für die Menschheit, weil sie zeitlich nicht absehbar ist, aber ab einem bestimmten Punkt unwiderruflich und endgültig! Wenn wir diesen „Kipppunkt“ erreichen, kann die Klima-Katastrophe nicht mehr aufgehalten werden. Dies ist keine Panikmache aus den 70er Jahren, sondern reale Warnung der Mehrheit der Wissenschaftler (2).

(2) vgl. Stefan Rahmstorf und Hans Joachim Schellnhuber „Der Klimawandel. Diagnose, Prognose, Therapie“ Beck-Verlag, München 2006, ISBN 3-406-50866-9

Leider wird dies immer wieder durch das aktuelle Tagesgeschehen aus den Medien und damit aus den Köpfen der Menschen verdrängt. Nein, die Erhöhung der CO2-Steuer darf nicht verschoben werden, der Ausbau des ÖPNV-Netzes und der Bahn muss weiter intensiviert werden, ebenso das Fahrradwege-Netz. Der Ausbau der Regenerativen Energien muss wieder stattfinden, Kohlekraftwerke müssen allerspätestens 2038 – besser früher – abgeschaltet und der Ausstieg aus der Atomkraft vollzogen werden.

Alle diese Maßnahmen kosten Geld. Viel Geld, das nach der Corona-Krise knapp werden wird.

Jedoch: am Umweltschatz darf nicht gespart werden!

Was werden uns ausgetrocknete Böden, Orkane, Überschwemmungen kosten? Was der Anstieg der Meeresspiegel und die mit den Naturkatastrophen verbundenen Völkerwanderungen?

Es gibt keine nachhaltigere und gefährlichere Krise als die Klimakrise.

Das klingt pathetisch, aber es geht um alles!

Wir können allerdings auch aus der Corona-Krise lernen. Was ich gelernt habe und ich mir zur Bewältigung der Klimakrise wünschen würde:

  1. Die Krise schweißt zusammen, Parteipolitik interessiert nicht mehr und (!) die AfD hat keine Antworten;
  2. Der Politik kann es gelingen, sich gegen die Interessen der Wirtschaft durchsetzen;
  3. Experten müssen gehört und ihre Empfehlungen befolgt werden;
  4. Kontaktverbote und Einschränkungen im Alltag werden von der Bevölkerung akzeptiert, wenn der Ernst der Lage erkannt wird;
  5. Wichtig die Erkenntnis: Maßnahmen und Wirkung erfolgen zeitverzögert; das bedeutet, dass wir konsequent, umfassend und sofort handeln müssen, obwohl es uns noch gut geht.
  6. Die Krise ist grenzübergreifend, Forschung und Krisenlösungen dürfen ebenfalls keine Grenzen kennen;
  7. Globalisierung muss neu überdacht werden, damit Staaten in Krisensituationen unabhängiger voreinander agieren können (Medikamente, Schutzausrüstungen), aber auch in Hinblick auf Nahrungsmittelproduktion und Energieversorgung;
  8. Eingriffe in die Tier- und Pflanzenwelt (Regenwälder abholzen, Wildtiere vermarkten), die Massentierhaltung etc. haben ihren gesundheitlichen Preis;
  9. Reisen können durch Online- Meetings ersetzt werden, Arbeitswege sind vermeidbar dank Homeoffice, viele Wege können mit dem Fahrrad erledigt werden;
  10. Wie schön ist das Erlebnis verkehrsarmer Straßen, von weniger Fluglärm und eines Himmels ohne Kondensstreifen-;
  11. Wie erholsam sind Parks und Gärten gerade in den Großstädten und der Peripherie;
  12. Wie entspannt ist ein Leben ohne Kaufstress, Friseurtermin und Nagelstudio;
  13. Wie wichtig sind ein funktionsfähiges Gesundheitssystem und genügend Menschen in systemrelevanten Berufen, die von uns allen mehr wertgeschätzt und dauerhaft ausreichend vergütet werden sollten!