September 21, 2020

8. Mai 1945, Tag der Befreiung

Erinnerungskultur statt Geschichtsfälschung!

von Jochen Thiessow

„Nicht auszudenken, wenn die Deutschen – also „wir“ diesen Krieg gewonnen hätten!“ (Götz Aly, Historiker, in seiner Rede am 25.1.2019 vor dem Thüringer Landtag)

Vor 75 Jahren:

27.1.1945 Auschwitz-Birkenau befreit

2.2.1945 Sonnenburg befreit

13.2.1945 Groß Rosen befreit

10./11.4.1945 Buchenwald befreit

11.4.1945 Mittelbau-Dora befreit

15.4.1945 Bergen-Belsen befreit

23.4.1945 Flossenbürg befreit

23.4.1945 Sachsenhausen befreit

29.4.1945 Dachau befreit

30.4.1945 Ravensbrück befreit

2.5.1945 Neuengamme befreit

5.5.1945 Mauthausen befreit

8.5.1945 Theresienstadt befreit

Ende der Todesmärsche

Am 8. Mai 1945 erfolgte die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Berlin-Karlshorst. „Mit harter militärischer Gewalt mussten im Mai 1945 viele Zehnmillionen Deutsche dazu gezwungen werden, ihr Werk des Hasses, der Zerstörung und Selbstzerstörung zu beenden. Sie hatten Hitler gewählt, bejubelt oder geduldet und für ihn gekämpft.“ (Götz Aly, Historiker, in seiner Rede am 25.1.2019 vor dem Thüringer Landtag).

Richard von Weizsäcker war der erste Bundespräsident der westdeutschen Republik, der 1985 vor dem Deutschen Bundestag den Tag der bedingungslosen Kapitulation  als „Tag der Befreiung“  bezeichnete.

Befreiung? Ja, Befreiung!

Bei der Befreiung der oben aufgeführten Konzentrations- und Vernichtungslager (die hier stellvertretend für die Millionen Opfer des Verbrecher- und Terrorregimes der Nazis stehen) trafen die Befreier, also die vorrückenden Truppen der Roten Armee und die Soldaten der Westalliierten, oft nur noch wenige Überlebende an. Die Bilder von der Befreiung von Auschwitz gingen um die Welt, die Bilder vom Massaker der SS im heute vergessenen KZ Sonnenburg ebenso wie die Bilder von den ausgemergelten Internierten von Bergen-Belsen. Für diese Menschen war es ohne jeden Zweifel eine Befreiung. Für all jene, die sich in Verstecken verborgen hielten, war es eine Befreiung. Für die Zwangsarbeiter, die bis zum Ende schuften mussten, war es eine Befreiung.

Und für die anderen?

Es ist sehr schwer, in wenigen Sätzen zu erfassen, warum Deutschland (West) das einzige Land in Europa war, das bis zur Erklärung von Weizsäckers 1985 (und auch danach) sich so schwer tat, die Befreiung vom Nationalsozialismus wirklich und tatsächlich als Befreiung zu empfinden und als Befreiung zu bezeichnen. Hier einige Aspekte:

Keine Befreiung.

Was die Menschheitsverbrechen der Nazis anbetrifft, wirkte offensichtlich stets und sehr intensiv die Nazipropaganda nach, wonach sich Deutschland in einem Verteidigungskrieg befand, der „uns“ angeblich „aufgezwungen wurde“, für den das „internationale Judentum“ verantwortlich gemacht wurde und wofür es „büßen“ sollte (!). Da gab es eine „saubere Wehrmacht“, die diesen „gerechten Verteidigungskrieg“ bis zum Schluss „tapfer und heldenhaft“  führte und niemals aufgab.

Die Mehrheit der 18 Millionen Wehrmachtssoldaten fühlte sich dabei und überdies als Herrenmenschen, besonders in Osteuropa, und so eine Attitüde legt man nicht so schnell ab.

Die Deutschen sahen sich folglich in der Rolle der Opfer, die in Notwehr handelten und damit war die große Rechtfertigung gegeben.

Keine Befreiung.

Als die Alliierten in den Nürnberger Prozessen nach 1945 die Hauptkriegsverbrecher aburteilten, wurden diese rechtsstaatlichen (!) Verfahren sehr schnell als „Siegerjustiz“ abgekanzelt. Es ist kaum zu fassen, aber es kam sogar zu Demonstrationen der Bevölkerung vor den Gefängnissen zugunsten (!) der Kriegsverbrecher! Schon 4 Jahre nach Kriegsende wurde die Vokabel vom „Schlussstrich“ im Munde geführt. In den 1950er Jahren wurden kaum Prozesse gegen Kriegsverbrecher geführt. Der voll entbrannte Kalte Krieg veranlasste die USA sogar, abgeurteilte NS-Massenmörder zu begnadigen, um in Westdeutschland einen verlässlichen Bündnispartner gegen den Kommunismus zu haben. „Großer Frieden mit den Tätern“ nannte es der Schriftsteller Ralph Giordano. Der Historiker Götz Aly sprach 2019 davon, dass mehr als 300.000 Deutsche und Österreicher nach 1945 wegen Kriegsverbrechen hätten angeklagt und zu lebenslänglicher Haft hätten verurteilt werden müssen. Diese Prozesse fanden nie statt. Die Justiz schaffte es, sie zu verhindern oder zu  verschleppen, um auch die Nazi-Juristen nicht anklagen zu müssen. Giordano nannte es die „Zweite Schuld“.

Keine Befreiung.

Da gab und gibt es das beliebte Fingerzeigen auf die Untaten der „anderen“, Untaten, die geeignet waren, von der eigenen Schuld, von der eigenen Urheberschaft abzulenken und die Verbrechen Nazideutschlands zu relativieren. Die verheerende Zerstörung Dresdens im Februar 1945 war einer der Höhepunkte gezielter Flächenbombardements der Alliierten gegen die deutsche Zivilbevölkerung, um deren Moral zu brechen.  Wenn man aber die Vorgeschichte der Bombardierung Dresdens und zahlreicher anderer deutscher Städte im Winter und Frühjahr 1945 völlig ausblendet, ist keine wahrhaftige Diskussion möglich. Ähnlich verhält es sich auch mit den Vertreibungen aus dem deutschen Osten seit dem Januar 1945 mit dem Vorrücken der Roten Armee in Ostpreußen: Wer deren Vorgeschichte,  nämlich den 4 jährigen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion seit dem 22.6.1941, völlig unberücksichtigt lässt und so tut, als hätte es ihn nie gegeben, zeigt eine unglaubliche Ignoranz, was Ursache und Folgegeschehen anbetrifft:

Vermeintliche Anteilnahme am Leiden der Opfer verkommt folglich zu purer Heuchelei und  niederträchtiger Verlogenheit.

Keine Befreiung.

Die Verbrechen der Nazis spielten sich in einem geographischen Raum ab, der nach dem Zweiten Weltkrieg nicht frei zugänglich war. Ohne Visum konnte niemand nach Polen oder in die UdSSR einreisen. Was dem Ziel hierzulande, die Naziverbrechen zu verharmlosen und vergessen zu machen, sehr entgegenkam.  Der Vernichtungskrieg im Osten ist in Deutschland bis heute nur wenigen ein Begriff. Das Buch „Keine Kameraden“ von Christian Streit, das die Aushungerung von Millionen sowjetischer Kriegsgefangener schildert,  ist eine kaum erträgliche Lektüre. Es hat in Deutschland beim Erscheinen  im Jahre 1978 keine Welle der Empörung ausgelöst. Ein kleiner Verein in Berlin-Schöneberg kämpft zurzeit um einen Gedenkort für die Opfer der NS-„Lebensraum“-Politik.

Man nennt das: Geschichtsvergessenheit.

Beliebt war und ist auch bis heute, die Schuld an den Naziverbrechen einer kleinen Clique um Hitler, Himmler, Göring und Goebbels zuzuschieben, um den Rest des Landes von jeder Schuld freizusprechen. Am Ende wurden also alle Täter zu Opfern und das Ganze war nur ein „bedauerlicher Betriebsunfall der Geschichte“. Aber so geht es nicht. Gar nicht.

Keine Befreiung.

Die neuen Nazis und ihre Komplizen reden heute von „Schuldkult“, „Vogelschiss“ und

„Denkmälern der Schande“.

Die neuen Nazis und ihre Komplizen machen aus Tätern Opfer, aus Mördern machen sie Volkshelden.

Die Nazis haben gemordet, millionenfach, und die neuen Nazis morden weiter.

Und: Die neuen Nazis radikalisieren sich in atemberaubendem Tempo. Wie damals.

(Für Buchenwald haben sie nur Hohn und Spott.)

Keine Befreiung.

Die sinnlosen Schlachten am Ende des Zweiten Weltkriegs vor den Toren Berlins sind kaum noch im öffentlichen Bewusstsein unserer Stadt:

16.4.–19.4.1945 Schlacht um die Seelower Höhen an der Oder (50.000 Tote)

24.4.–28.4.1945 Kesselschlacht um Halbe 40 km südlich von Berlin (60.000 Tote)

16.4.–2.5.1945 Schlacht um Berlin (weitere Zehntausende Tote)

Am 2.5.1945 wurde die Kapitulation der Berliner Garnison im Haus Schulenburgring 2 in Tempelhof unterschrieben. Am 8.5.1945 erfolgte dann die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Karlshorst.

Die öffentlichen Führungen, zu deren Teilnahme Aufstehen aufruft, bringen uns an diese beiden Orte. Siehe unten.

Befreiung!

Am Schluss seiner Rede vor dem Thüringer Landtag 2019 sagte Götz Aly: „Am 19.4.1945 schworen die so vielen Nationen angehörenden Überlebenden von Buchenwald, für „eine Welt des Friedens und der Freiheit“ einzutreten. Im Sinne des Schwurs von Buchenwald danken wir den Millionen ausländischer Soldaten, unter ihnen – gerade hier in Thüringen – den vielen Soldaten afro-amerikanischer Herkunft: Sie befreiten die Gefangenen der Konzentrations- und Vernichtungslager, die todgeweihten Zwangsarbeiter, die Insassen der Heil- und Pflegeanstalten – und nicht zuletzt befreiten sie die Deutschen von sich selbst.“

Deutsch-Russisches-Museum in Karlshorst

Gegen das Vergessen:

Aufstehen-Berlin ruft auf zur Teilnahme an der Führung von Achim Dillinger am 3.5.2020,

11 Uhr, Platz der Luftbrücke  in Tempelhof, und zur Teilnahme an der öffentlichen Führung im Deutsch-Russischen Museum in Karlshorst am 10.5.2020, 15 Uhr. Bitte beachtet Terminverschiebungen wegen der Coronakrise bei „Termine“.